Kreatin und Haarausfall: Was die Studien wirklich zeigen
KURZANTWORT
Fast jeder, der Kreatin nimmt, hat den Satz schon gehört: Davon bekommst Du eine Glatze. Der Mythos geht auf eine einzige Studie zurück: 2009 nahmen College-Rugbyspieler in Südafrika drei Wochen lang Kreatin, und ihr DHT-Wert stieg an. DHT ist das Hormon, das beim erblich bedingten Haarausfall die entscheidende Rolle spielt. Die Verbindung lag nahe. Das Problem: In der Studie wurde kein einziges Haar untersucht.
Seitdem ist einiges passiert. 2025 hat eine Forschungsgruppe erstmals genau das nachgeholt, was damals fehlte: Sie hat die Haare selbst untersucht. Dieser Artikel fasst zusammen, was zum Thema Kreatin und Haarausfall tatsächlich belegt ist, warum ein DHT-Wert im Blut ohnehin wenig über Deinen Haaransatz verrät, und was Du tun kannst, wenn Deine Haare wirklich dünner werden.
Verursacht Kreatin Haarausfall?
Nein. Es gibt bislang keinen Beleg dafür, dass Kreatin Haarausfall auslöst oder beschleunigt.
Die einzige Studie, die einen Anstieg des DHT-Spiegels unter Kreatin gefunden hat, hat weder Haardichte noch Haarausfall gemessen. Ihr Ergebnis ließ sich in einem Dutzend späterer Untersuchungen nicht reproduzieren. Und die bisher einzige Studie, die Hormone und Haare gleichzeitig angeschaut hat, fand nach zwölf Wochen keinen Unterschied zwischen Kreatin und Placebo, weder beim DHT-Wert noch bei der Haardichte.
Wenn Deine Haare dünner werden, während Du Kreatin nimmst, ist die wahrscheinlichste Erklärung nicht das Pulver, sondern die Veranlagung.
Der Ursprung des Mythos: eine Studie ohne Haare
Was 2009 tatsächlich gemessen wurde
Die Untersuchung, auf die sich bis heute jede Diskussion beruft, lief an einem Rugby-Institut in Südafrika. 20 Spieler nahmen im Wechsel Kreatin oder Placebo: sieben Tage lang 25 Gramm täglich als Ladephase, danach zwei Wochen 5 Gramm zur Erhaltung. 16 beendeten das Protokoll.
Das Testosteron blieb unverändert. Der DHT-Wert stieg nach der Ladephase um 56 Prozent und lag nach der Erhaltungsphase noch 40 Prozent über dem Ausgangswert, das Verhältnis von DHT zu Testosteron um 36 Prozent.
Warum der Anstieg kleiner ist, als er klingt
Prozentangaben sagen wenig, solange man den Ausgangswert nicht kennt. Genau da liegt das Problem. Wie ein Forschungsteam um Jose Antonio in einer Übersichtsarbeit von 2021 aufgeschlüsselt hat, startete die Kreatin-Gruppe mit einem DHT-Wert, der 23 Prozent unter dem der Placebo-Gruppe lag. Während der Wert in der Kreatin-Gruppe stieg, sank er in der Placebo-Gruppe leicht. Ein guter Teil des „Anstiegs" war schlicht ein Angleichen.
Dazu kommt: Sämtliche gemessenen Werte blieben im normalen klinischen Bereich. In zwölf weiteren Studien zu Kreatin und Androgenen zeigte sich kein vergleichbarer Effekt.
Die Studie, die endlich die Haare angeschaut hat
STUDIE IM DETAIL
Einschränkung: Zwölf Wochen sind kurz für einen Prozess über Jahrzehnte, und Männer mit laufender Finasterid- oder Minoxidil-Behandlung waren ausgeschlossen.
2025 erschien die erste Untersuchung, die diese Lücke schließt. 45 krafttrainierende Männer zwischen 18 und 40 nahmen zwölf Wochen lang entweder 5 Gramm Kreatin-Monohydrat täglich oder ein Placebo, 38 beendeten die Studie. Gemessen wurden Gesamttestosteron, freies Testosteron und DHT im Blut. Dazu die Haare selbst, per Trichogramm und mit einem Kamerasystem, das Haardichte, Follikeleinheiten und kumulative Haardicke erfasst.
Das Ergebnis: kein Unterschied zwischen den Gruppen. Nicht beim DHT-Wert, nicht beim Verhältnis von DHT zu Testosteron, bei keinem einzigen Haarparameter.
Warum Dein DHT-Wert im Blut wenig über Deinen Haarausfall aussagt
Die Empfindlichkeit sitzt in der Haarwurzel, nicht im Blut
Hier liegt der Punkt, der in fast jeder Diskussion über Kreatin und Haarausfall fehlt: Männer mit erblich bedingtem Haarausfall haben in der Regel völlig unauffällige Hormonwerte im Blut. Vererbt wird kein hoher DHT-Spiegel, sondern die Empfindlichkeit bestimmter Haarwurzeln.
In den betroffenen Kopfhautarealen an Schläfen und Oberkopf finden sich mehr Androgenrezeptoren und eine höhere Aktivität der 5-Alpha-Reduktase, also des Enzyms, das Testosteron in DHT umwandelt. Die Folge ist Miniaturisierung: Die Wachstumsphase verkürzt sich, jedes nachwachsende Haar wird eine Spur feiner und kürzer, bis es kaum noch zu sehen ist.
Deshalb geht die Debatte um einen Blutwert am eigentlichen Mechanismus vorbei. Selbst wenn Kreatin den Serum-DHT-Wert leicht verschröbe, wäre damit noch nichts darüber gesagt, was an der Haarwurzel passiert.
Warum Kreatin überhaupt in Verdacht geriet
Es gibt eine unglückliche Überschneidung. Der typische Einstieg ins Krafttraining und in die Supplementierung liegt zwischen 18 und 30. Genau in diesem Fenster wird erblich bedingter Haarausfall bei vielen Männern zum ersten Mal sichtbar. Zwei Dinge passieren gleichzeitig, also wirkt das eine wie die Ursache des anderen. Verständlich, aber ein Trugschluss.
Nicht zu verwechseln ist das Ganze übrigens mit Keratin. Keratin ist das Strukturprotein, aus dem Haare bestehen, Kreatin ein Energieträger im Muskel. Die Namen ähneln sich, die Stoffe haben nichts miteinander zu tun.
Wenn nicht das Kreatin, was dann?
Woran Du erblich bedingten Haarausfall erkennst
Entscheidend ist nicht die Menge der Haare im Abfluss, sondern das Muster. Erblich bedingter Haarausfall, medizinisch genannt androgenetische Alopezie, beginnt bei Männern fast immer an den Schläfen und am Oberkopf: Die Geheimratsecken werden tiefer, der Wirbelbereich lichtet sich, der Scheitel wirkt breiter. Der Haarkranz bleibt.
Fällt das Haar dagegen gleichmäßig über den ganzen Kopf aus, kommen andere Ursachen infrage, etwa eine längere Phase im starken Kaloriendefizit, ein fieberhafter Infekt oder ein Nährstoffmangel. Diese Form ist häufig vorübergehend.
Prüfen lassen, ob eine Behandlung für Dich infrage kommt
Ob und in welcher Form eine Behandlung infrage kommt, hängt vom Stadium, vom Verlauf und von Deiner Vorgeschichte ab. Das klärt eine ärztliche Einschätzung.
Kostenlos Behandlung anfragenWas den eigentlichen Auslöser adressiert
Gegen erblich bedingten Haarausfall gibt es zwei Wirkstoffe mit belastbarer Studienlage: Minoxidil und Finasterid. Minoxidil verlängert die Wachstumsphase des Haars und verbessert die Versorgung der Haarwurzel. Finasterid setzt eine Stufe früher an und reduziert die Bildung von DHT, also genau des Hormons, um das sich die Kreatin-Debatte dreht.
Beide wirken nur, solange sie angewendet werden, und beide brauchen Geduld. Sichtbare Veränderungen zeigen sich meist erst nach mehreren Monaten. Bei topischer Anwendung (Anwendung auf der Haut) gelangt deutlich weniger Finasterid in den Blutkreislauf als bei der Tablette, vollständig lokal bleibt der Wirkstoff jedoch nicht.
Finasterid ist in Deutschland verschreibungspflichtig. Was sinnvoll ist, hängt von Art und Ausprägung des Haarausfalls, vom Alter und von individuellen Voraussetzungen ab.
Fazit
Bis heute gibt es keinen glaubhaften Beweis, dass Kreatin Haarausfall verursacht. Der Verdacht gegen Kreatin stammt aus einer kleinen Studie, die einen Hormonwert gemessen hat und keine Haare. Die bisher einzige Untersuchung, die beides erfasst hat, fand nach zwölf Wochen keinen Unterschied zu Placebo. Und selbst eine leichte Verschiebung im Blut würde wenig bedeuten: Ob Haare ausfallen, entscheidet sich an der Empfindlichkeit der Haarwurzeln.
Wenn Deine Geheimratsecken tiefer werden oder der Oberkopf lichter wird, liegt das mit hoher Wahrscheinlichkeit an der Veranlagung. Die lässt sich behandeln, und zwar umso wirksamer, je früher Du anfängst. Der sinnvollere nächste Schritt ist also nicht, das Kreatin wegzustellen, sondern prüfen zu lassen, welche Behandlung für Dich infrage kommt.
Häufige Fragen
Sollte ich Kreatin absetzen, wenn meine Haare dünner werden?
Ist die Ladephase riskanter als fünf Gramm pro Tag?
Kann ich Kreatin nehmen, während ich Minoxidil oder Finasterid anwende?
6 Quellen anzeigen
- van der Merwe J, Brooks NE, Myburgh KH (2009): Three weeks of creatine monohydrate supplementation affects dihydrotestosterone to testosterone ratio in college-aged rugby players. Clinical Journal of Sport Medicine 19(5): 399–404.
- Antonio J, Candow DG, Forbes SC et al. (2021): Common questions and misconceptions about creatine supplementation: what does the scientific evidence really show? Journal of the International Society of Sports Nutrition 18: 13.
- Lak M, Bagheri R, Ghobadi H et al. (2025): Effects of creatine monohydrate supplementation on hair loss and androgen concentrations in resistance-trained males. Journal of the International Society of Sports Nutrition 22(sup1): 2495229.
- Ho CH, Sood T, Zito PM: Androgenetic Alopecia. StatPearls, NCBI Bookshelf.
- Male Androgenetic Alopecia. Endotext, NCBI Bookshelf.
- Kreider RB, Kalman DS, Antonio J et al. (2017): International Society of Sports Nutrition position stand: safety and efficacy of creatine supplementation in exercise, sport, and medicine. Journal of the International Society of Sports Nutrition 14: 18.
Redaktion: Rootwell
Zuletzt aktualisiert am 09.09.2026. Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung.